Alle Jahre wieder: „Krippenspiel“, dieses von Rudolf Borchardt verfaßt

100 Jahre alt und so geschrieben, als wäre es erst jetzt entstanden

Bild (7)Eine mutige, kluge Maria – aus heutiger Sicht als emanzipiert zu beschreiben – ein König, der sich mit Gold von der bevorstehenden zu erwartenden Herrschaft des neugeborenen Königs zunächst freikaufen will, später jedoch seine Meinung und Vorhaben ändert.

Verzichtet wird in diesem Krippenspiel auf die übliche Eingangsszene fast aller Krippenspiele, der Suche nach der Herberge. Josef und Maria sind bereits im Stall angekommen, ihr Kind ist geboren.

So unterscheidet sich diese Version erheblich von dem, was traditionell von Kindern und Jugendlichen aufgeführt wird, sowie auch von den, auf modern getrimmten Krippenspielen.

Rudolf Borchardt, ein zeitweiliger Freund Hugo von Hoffmannsthals hat das Stück im Advent 1920 in einer einzigen Nacht verfasst und es Ottonie Gräfin von Degenfeld-Schonburg gewidmet, seiner Gastgeberin und Gesellschaftsdame auf dem Schloss Neubeuern, wenige Kilometer südlich von Rosenheim. Das Buch ist mit zahlreichen scherenschnittartigen Illustrationen ausgestattet, wobei ein Hinweis auf die Herkunft dieser, zum Inhalt passenden kleinen Kunstwerke fehlt.

In einem Nachwort widmet sich die Herausgeberin Gunilla Eschenbach mit großer Ausführlichkeit, literaturwissenschaftlicher Akribie und entsprechender Ausdrucksweise der Entstehungsgeschichte dieses Krippenspiels, der Druck- und Aufführungsgeschichte und dem Werkkontext. Zudem fügt die Herausgeberin eine Figurencharakteristik und regiepraktische Hinweise hinzu, aus denen hervorgeht, dass dieses Werk wohl kaum von einer jungen Laienspielschar aufgeführt werden kann.

Jedoch: Das von Rudolf Borchardt in so kurzer und vor so langer Zeit geschriebene Krippenspiel ist ein kleines Juwel, herrlich zu lesen. Und auch, wenn es stellenweise für literaturwissenschaftlich unbedarfte Laien schwer verständlich ist, birgt das Nachwort viele Erkenntnisse über den Zeitgenossen Hugo von Hoffmannsthals inklusive einer Interpretation des Spiels.

Rudolf Borchardt ist ein weitgehend unbekannter deutscher Schriftsteller und Lyriker, dessen 2018 posthum veröffentliche erotischer Roman mit dem reißerischen Titel „Weltpuff Berlin“ kurzfristig den Autor aus dem Vergessensein herausgeholt hat. Zwar beschreibt Wikipedia etliches über vom Leben und Wirken Borchardts, einen Hinweis auf das Krippenspiel sucht man dort allerdings vergebens. Und „Krippenspiel“ ist ein wirklich lesenswerter Text.

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Rudolf Borchardt: Krippenspiel

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Gunilla Eschenbach in einer feinen Ausgabe des Claudius Verlags, 2019