Der arg lädierte Fremdenführer

Neulich landete der „Fremdenführer durch Wiesbaden und Umgebung“ auf meinem Tisch.

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Ein Exemplar von 1894 mit zerfleddertem Pappeinband und einem Buchblock, der trotz einiger Klebeversuche in mehreren Teile, zum Glück aber vollständig, vorlag.

Wenn ich Bücher repariere, schaue ich mir auch gern den Inhalt an, das Gedruckte und die Illustrationen. Schon auf einer der ersten Seiten war zu erkennen, an wen das Buch gerichtet war, an „kurbedürftige Ausländer“. Ich hoffe nur, dass die wenigsten dieser Gäste den Inhalt des Gedichts, das ihnen gewidmet wurde, verstanden haben. Hier ist es:

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Interssant sind einige Illustrationen, zum Beispiel ein ausklappbare, die einen Blick auf Wiesbaden vom Neroberg aus zeigt:

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Gut sichtbar in der Mitte die Marktkirche, deren Mörtel zu jener Zeit gerade trocken geworden war. 1862 wurde sie fertiggestellt. Der Vorteil dieser alten Illustration gegenüber Fotos von heute ist, dass in dieser Zeichnung die Dunstglocke, unter der die Stadt heute zumeist liegt, nicht zu sehen ist.

In diesem Buch sind neben den Lobpreisungen der Kurmöglichkeiten in diesem feudalen Bad auch die Sehenswürdigkeiten, Flora, Fauna der Umgebung, die geologischen Eigenheiten beschrieben.

Wandertipps fehlen ebensowenig ……..

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…wie Empfehlungen für Fahrradtouren. Ende des 19. Jahrhunderts um Wiesbaden herum mit dem Fahrrad! Das wird nicht so einfach für die Badegäste gewesen sein.

Immerhin war die este Auflage des Büchleins, immerhin 4.000 Exemplare, innerhalb weniger Monate vergriffen, sodass bereits darauf eine zweite „vermehrte“ Auflage erschien. Solch ein Exemplar hatte ich vorliegen und wurde von mir behutsam am Rücken neu verleimt und mit einem Einband aus Fotokarton versehen, auf den ich die Überreste des ursprünglichen Einbanddeckels klebte.

Demnächst wird das Büchlein in einer Vitrine der Historischen Werkstatt Nordenstadt zu sehen sein.

 

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Die Rettung der Weimarer Aschebücher

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Ein Brand hat im September 2004 große Teile des Bestands an Büchern, Handschriften, Inkunabeln, Globen und Landkarten der Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar vernichtet oder stark beschädigt.

Seit einem Jahr kann im Erdgeschoss der wiedererbauten Bibliothek an 60 Exponaten betrachtet werden, welche Zerstörung Feuer, Wasser, Löschschaum und giftige Gase  an Büchern, Schriften und Noten angerichtet haben und wie es gelungen ist, große Teile des beschädigten Bestandes zu sichern, zu reinigen und zu restaurieren. „Restaurieren nach dem Brand“ ist der Titel der Ausstellung.

Besonders hat mich ein Film über die Restaurierung angebrannter Bücher – Aschebücher genannt – beeindruckt, der auch über Youtube zugänglich ist: Die Rettung der Weimarer Aschebücher.

Die Besichtigung dieser Ausstellung im Renaissancesaal der Bibliothek ist kostenlos und kann ohne Voranmeldung geschehen

Um den Rokokosaal mit den alten Buchbeständen zu besichtigen, ist es ratsam, Eintrittskarten rechtzeitig vor einem geplanten Besuch zu bestellen. Vorlaufzeit: 4-6 Wochen. Einige Karten werden auch um 9:00 Uhr für den jeweiligen Tag an der Kasse der Bibliothek verkauft.

Als Hobbybuchbinder hat mich die kleine Ausstellung über das „Restaurieren nach dem Brand“ begeistert, bei der der verheerende Schaden und dessen geniale Aufarbeitung gezeigt wird. Und jedem Bücherfreund und Interessiertem am „Kulturgut Buch“ wird es vermutlich ebenso gehen wie mir.