Die Wunderkammer der deutschen Sprache – Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer (Hrsg.)

IMG_9668Wunderkammer ist das zutreffende Wort für dieses Buch, das – wie der Untertitel beschreibt – gefüllt ist mit Wortschönheiten, Kuriositäten, Alltagspoesie und Episoden der Sprachgeschichte ist.

Es fängt an mit den Schlusssätzen von Märchen der Gebrüder Grimm wie

…Rotkäppchen aber ging fröhlich nach Haus, und tat ihm niemand etwas zu leid“, wobei hier niemandem die Quelle genannt werden muss.

Wie unterschiedlich die Wunderkammer gefüllt ist, lässt das nächste Kapitel erahnen mit Ausdrücken aus dem Nachtjargon von St.Pauli, der Geheimsprache von Zuhältern, Prostituierten und anderen Akteuren des Kiezes. Einige dieser Bezeichnungen haben sich in unsere Alltagssprache geschlichen – oder war es umgekehrt? So ordne ich den Begriff „Eskimoflip“ nicht unbedingt als St.Pauli-spezifische Bezeichnung für das nichtalkoholische Getränk Wasser mit Eis ein.

Ebenso exotisch klingen teilweise die Begriffe des alten Buchdruckerhandwerks oder Begriffe aus der Jäger- oder Seefahrersprache wie „Pressbengel“, „Moderhinke“ oder „Bilgenschwein“.

Mundartliche Begriffe aus verschiedenen deutschsprachigen Regionen sind an anderen Stellen dem heutige Hochdeutsch gegenübergestellt und erklärt, ebenso eigenartige Namen von Speisen, Beispiele: „Arme Ritter“ und „Eisbein“.

Wörter und Unwörter der zurückliegenden Jahre sind aufgeführt, Scheinanglizismen aufgelistet und aus dem Deutschen entnommene Wörter in andere Sprachen.

Interessant sind die Gedichte, deren Texte in Ei- oder Apfelform oder als Palmenbaum gesetzt sind.

Bekannte Personen wie Karin Duve nennen jeweils 10 ihrer Lieblingswörter und erklären die Auswahl.

Auf etlichen Landkarten des deutschsprachigen Raums ist eingezeichnet, was wo wie heißt – ob nun Brötchen, Semmel, …. oder Schrippe.

Kritik an Goethe von anderen Schriftstellern ist zu lesen. Die von Alfred Döblin lautet: „Goethe hat in Deutschland die feuilletonistische Degeneration des Romans eingeleitet.“

Etliches an unnützem Wissen – über die Wertigkeit mancher Kapitel sollte jeder selbst entscheiden – ist hier versammelt. Für mich zählen dazu die Sammlung von Bezeichnungen für Weinlagen, eigenartige Ortsnamen im Sprachraum sowie die Namen von Kräutern und deren Verwendung. Als Krönung des Unnützen kommen die „kreativen“ Wortschöpfungen für die Namen vor Frisörsalons dazu. „Frisöre und Frisörinnen bleibt bei Euren Scheren und Lockenwicklern“ möchte ich den Schneidenden und Lockenwickelnden bei The Hairgansters zurufen, „Ich brauche Euch als Handwerker, nicht als Wortschöpfer.“ – und ich hätte in diesem Buch gern auf eine derartige Auflistung verzichtet.

Interessanter sind dann wieder die Schnadahüpfln, Zungenbrecher und Schüttelreime.

Das ist nur ein Teil dieser prall gefüllten Wunderkammer und nicht alle der vielfältigen Listen habe ich hier aufgeführt. Jeder sollte es für sich erlesen und erleben. Wert ist es, die Vielfältigkeit unserer Sprache an den Beispiele dieses Buches zu erforschen.

– – – O – – –

Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer (Hrsg.): Die Wunderkammer der deutschen Sprache, erschienen 2019 im Verlag DAS KULTURELLE GEDÄCHTNIS

6 Gedanken zu “Die Wunderkammer der deutschen Sprache – Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer (Hrsg.)

  1. Hallo,

    das klingt ziemlich durchwachsen, auf manches könnte ich sicher auch verzichten. Dennoch klingt es im Ganzen nach einem Buch, das sich wunderbar als Nachttischbuch eignet, um immer mal wieder danach zu greifen.

    LG,
    Mikka

    • Hallo Mikka,
      ja, es ist ein Buch, das nicht Seite für Seite gelesen werden will. Es ist eins, dessen Inhalte beim Blättern entdeckt werden wollen.

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