Mai Thi Nguyen-Kim: Komisch, alles chemisch!

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Wenn ich mich als Chemiker oute, höre ich meist: „Chemie, das habe ich in der Schule überhaupt nicht kapiert.“

Schade, denke ich dann, Chemie ist so interessant und überall um uns herum. Schade, dass du keinen Lehrer gehabt hast, der dir das vermitteln konnte.

Bei Mai Thi Nguyen-Kim würde der Chemieunterricht Spaß machen, weil sie alles so toll und verständlich erklären kann, was in unserem Körper, zu Hause und draußen passiert, wie chemische Reaktionen ablaufen und warum. Denn Chemie ist keineswegs so dröge, wie es oftmals dargestellt wird. Das zeigt meine Kollegin schon im ersten Kapitel des Buches. Sie erklärt am Schlafhormon – oder wie es Nguyen-Kim bezeichnet: „Nachthormon“ – Melatonin und seinem Gegenpart, dem Stresshormon Cortisol, was es mit Müdigkeit, Schlaf und dem Aufwachen auf sich hat. Zunächst nix mit anorganischer oder organischer Chemie, Haupt- und Nebengruppen des Periodensystems und scheinbar unverständlichen Reaktionsgleichungen. Später könnt ihr sogar verstehen, was der Erste Satz der Thermodynamik bedeutet.

Wir begreifen beim Lesen, dass es sehr agressive Elemente und Stoffe gibt, die mit allem reagieren, „was bis drei nicht auf den Bäumen ist“ (wie Fluor oder Flusssäure), aber andererseits wie das Fluor in der Bratpfannenbeschichtung namens PTFE (Polytetrafluorethylen) so eingebunden ist, dass es nicht ins Frühstücksei diffundiert.

So werden die Leser mit scheinbar einfachen Beispielen geködert und hingeführt zum Atommodell mit seinen Schalen, in denen die Elektronen herumschwirren. Und schon stecken wir mittendrin in der Quantenphysik, normalerweise ein Buch mit sieben oder noch mehr Siegeln, hier aber so einfach und bildlich dargestellt, dass sich der große Aha-Effekt einstellt.

Stinkende Capronsäure ist ebenso Thema, wie seine Verwandten, die mehrfach ungesättigten Fettsäuren, die wir aus unseren Lebensmittel kennen, von deren Vorzügen gegenüber den ungesättigten wir immer wieder irgendwo lesen oder hören – oftmals, ohne richtig zu verstehen, was die Unterschiede sind und was das ständige Erwähnen eigentlich soll. Hier macht es „Klick“ und jeder versteht’s, auch das mit den „cis- und trans-Fetten“.

Vieles, was wir gar nicht sehen können, hat in der Natur eine große Bedeutung. Der Begriff „Dipolarität des Wassermoleküls“ hört sich zunächst recht wissenschaftlich und abstrakt an. „Wasserstoffbrückenbindung“ ist in diesem Zusammenhang das Zauberwort, und diese spezielle Bindung bewirkt, dass zum Beispiel das Eis auf dem Wasser schwimmt.

So führt Mai Thi Nguyen-Kim viele Beispiele auf, die auf mehr oder weniger komplizierten chemischen und physikalischen Phänomenen beruhen. Manchmal sind die Effekte komisch und auf den ersten Blick nicht verständlich, auf den zweiten jedoch nachvollziehbar.

Dieses Buch richtet sich in einer lockeren Sprache vornehmlich an junge Menschen, die mit dieser Lektüre das kapieren können, was ihnen im Chemieunterricht möglicherweise nicht vermittelt werden konnte.

Aber auch für Personen jenseits des Schulpflicht-Alters, die endlich verstehen möchten, was Chemie ist, oder ihre Vorbehalte über diese Naturwissenschaft abbauen wollen, ist „Komisch, alles chemisch!“ ein großer Schritt zu der Erkenntnis, dass Chemie doch keine nicht zu verstehende Wissenschaft ist.

Gut gemacht, liebe Kollegin!

– – – O – – –

Dr. Mai Thi Nguyen-Kim: Komisch, alles chemisch!, mit Illustrationen (sowohl richtig „chemischen“ aber auch humorvollen) von Claire Lenkova

Erschienen im Droemer Verlag 2019

2 Gedanken zu “Mai Thi Nguyen-Kim: Komisch, alles chemisch!

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