Stark gekürzte Version von Jonathan Swifts GULLIVERS REISEN, nacherzählt von Doron Rabinovici

20171022_114451Es ist eine hübsch anzusehende Ausgabe der Insel-Bücherei, die in diesem Jahr nacherzählt von Doron Rabinovici und illustriert von Flix als schmales Bändchen von 143 Seiten erschienen ist. Und die Seitenzahl macht es deutlich: gegenüber den verbreiteten deutschen Übersetzungen mit jeweils über 400 Seiten handelt es sich bei dieser Ausgabe um eine stark gekürzte Version des Swiftschen Romans von 1726. Andererseits beinhaltet diese Nacherzählung neben den ersten beiden Teilen des Werkes – auf die sich Erich Kästner bei seiner Nacherzählung für Kinder beschränkt hat – auch einige wenige Sequenzen aus den Teilen 3 und 4.

Teil 1 – Reise nach Lilliput – und Teil 2 – Reise nach Brobdingnang – beschreiben Gullivers Abenteuer bei den Liliputanern und bei den Riesen. Es sind die Abenteuer, die den meisten von uns bekannt sind, besonders in der Kästnersche Version, aber auch als Kinderbücher anderer Autoren. Sie sind teils zum Schmunzeln, teils spannend von Erich Kästner nacherzählt. Ähnlich liest sich Doron Rabinovivis Fassung, obwohl offensichtlich nicht primär für Kinder nacherzählt. Die Diction Swifts, wie sie versucht wird, in den Übersetzungen von Kurt Heinrich Hansen ( Gullivers Reisen, Artemis und Winkler, 1958) oder Franz Kottkamp (Gullivers Reisen, Insel Taschenbuch it 58, 1974) im Deutschen beizubehalten, geht bei Rabinovici ebenso wie bei Kästner verloren. Bei Rabinovici werden zudem Begriffe, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts in unserem Sprachgebrauch auftauchen wie „Freakshow“ für die zur Zeit übliche Kuriositätenshow auf Jahrmärkten oder ein Vergleich von Gullivers Situation bei den Riesen mit „ wie Vieh im Streichelzoo“ fernab der Swiftschen Zeit eingeführt. Wer es mag, soll es lesen. Unmöglich ist es jedoch wenn aus den langen Grannen der Ähren, die Gulliver bei seiner Flucht vor den Riesen zu Beginn seines Aufenthalts in Brobdingnang stechen, Garne werden.

Teil 3 – Reise nach Laputa, Balnibari, Luggnagg, Glubbdubdrib und Japan – und Teil 4 Reise ins Land der Houyhnhnms – beschränken sich dann auf weniger als ein Zehntel des Originals. Das reicht sicherlich, um einen groben Einblick und einen Überblick zu bekommen. Nur zu einem geringen Teil erfährt man hier, wie Swift die heimischen Verhältnisse kritisiert, welche Seitenhiebe er verteilt. Dazu gehört insbesondere die die Passage von Gullivers Besuch die große Akademie auf der Insel Balnibari, an der Wissenschaftler die eigenartigsten Forschungen betreiben, Projekte, die in ähnlicher Form zu Zeiten Swifts auf Unverständnis, Hohn und Spott stießen.

Wer sich nicht mit Ausgaben dieser Abenteuer von mehr als 400 Seiten befassen möchte, wem die Kurzfassung der ersten beiden Teile und ein paar Eindrücke der letzten Teile auf 30 Seiten genügt, dem dürfte diese Nacherzählung von Doron Rabinovici gefallen. Zudem ist sie sprachlich geglättet. Verloren gehen jedoch ein Großteil Swiftscher Satire und Kritik mit den wesentlichen Bezügen zur gesellschaftlichen und politischen Situation speziell im Vereinigten Königreich, aber die in Einzelheiten nachzuvollziehen , wird uns sowieso nur unvollständig gelingen.

Bevor man sich jedoch nichts von Gullivers Reisen liest, bietet sich dieses Bändchen für eine nicht so tiefgreifende Beschäftigung mit dem bekannten Werk an.

Jonathan Swift: Gullivers Reisen, nacherzählt von Doron Rabinovici, illustriert von Flix, Insel-Bücherei, 2017

— O —

siehe auch: Erich Kästner. Gullivers Reisen

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4 Gedanken zu “Stark gekürzte Version von Jonathan Swifts GULLIVERS REISEN, nacherzählt von Doron Rabinovici

  1. Das also ist die angekündigte Fassung. Vielen Dank für die Darstellung ihrer Vorteile und Schwächen. Ich fürchte, bevor ich dazu greife, nehme ich mir lieber die Swiftsche Originalausgabe auf Englisch vor, denn all die von dir beschriebenen Anpassungen, Abschleifungen und Schlampereien sind genau das, was mir schon viele andere Neufassungen verleidet hat.

  2. Wenn in Englisch, dann wirklich die Originalausgabe. Ich bin da auf eine von 1900, herausgegeben von einem Superintendent of Schools aus Masschusetts, gestoßen. Der traue ich auch nicht!

  3. Ich hab im Studium das englische Original gelesen und war wirklich überrascht, dass es wesentlich mehr als Liliputaner und Riesen gibt. Meines Erachtens ist es ein schwerer Fehler in den deutschen Übersetzungen die restlichen Teile von Gulliver’s Reisen immer so schmählich zu behandeln – entweder gar nicht zu übersetzen oder nur verstümmelt zu übersetzen.
    Wie schade, dass es nun wieder so eine Übersetzung gibt.

    • Wenn dieser Roman als Kinderbuch gelesen werden soll, ist es für mich akzeptabel, wenn sich – wie bei Erich Kästner – eine „Nacherzählung“ auf die wesentlichen und auch für Kinder verständlichen Passagen der ersten beiden Teile beschränkt.
      Von einer Ausgabe der Insel-Bücherei hatte ich mir mehr versprochen, wobei vom Umfang her starke Kürzungen vorhersehbar waren. Für „Neuleser“ des Romans hätte das auf dem Cover allerdings klar dargestellt werden müssen.

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