Vom Melibocus und der Wollsackverwitterung im Felsenmeer

Die Temperatur lag um den Gefrierpunkt herum, als wir nach der kältesten Nacht in der zweiten Aprilhäfte seit Beginn der Wetteraufzeichnungen Richtung Odenwald starteten. Es war der Donnerstag nach unserem üblichen Dienstags-Wandertag, aber am Dienstag hatte es geregnet oder – wie Karl vom Wirt der Kuralpe erfahren hatte – geschneit. Und es war gut so, dass wir an diesem Donnerstag wanderten, denn schon bald konnten wir unsere Wollmützen absetzen und später im Restaurant Kuralpe bei herrlichem Sonnenschein auf der Terrasse die Mittagspause genießen.

Wir, das waren sieben Wanderer. Terminverlegung, Besuch der Tante in Tönning und andere Verpflichtungen hinderten einige der wackeren Wanderer an der Teilnahme. Ausgangspunkt an diesem Tag war der kleine Parkplatz am Nonnenbrunnen an der Straße zwischen Jugenheim und Balkhausen. IMG_6491Der Nonnenbrunnen ist eine kleine Quelle, von der aus das früher darüber gelegene Kloster mit Wasser versorgt wurde.IMG_6397Karl, unser Vorwanderer, hatte für den diesen Tag eine Route geplant, die fast ausschließlich auf dem Wanderweg SJ2 verlief, den wir von unserem Ausgangspunkt nach etwa einem Kilometer Entfernung in westlicher Richtung erreichten.Vollbildaufzeichnung 22.04.2017 124343.bmp

Vom Nonnenbrunnen und danach auf dem SJ2 ging es ständig über fünf Kilometer und 400 Höhenmeter bergauf zum Melibokus, jenem hohen Berg, den einige von uns bei ihrer morgendlichen Gymnastik auf der Terrasse bei guter Sicht stets vor Augen haben. Ja, von Nordenstadt, einem Wiesbadener Ortsteil, aus können wir ihn sehen. Und wenn wir irgendwo im Rheingau, im Rheinhessische oder im Taunus freie Sicht nach Südost haben, brauchen wir nur nach der höchsten Erhebung zu schauen. Das ist der Melibokus, höchster Berg der südhessischen Bergstraße. Und wenn die Grafen von Katzenelnbogen die Schriften des griechischen Gelehten Ptolomäus nicht falsch gedeutet hätten, hieße der Berg heute noch Malchen oder Malschen.

Dazu Wikipedia: Der Bergname ist 1012 als mons malscus überliefert. Der ältere Bergname Malschen wurde durch die gelehrte Bezeichnung Melibocus verdrängt. Die heutige Bezeichnung Melibokus geht auf eine gelehrte Hypothese nach der zeitweiligen Besitzung durch die Grafen von Katzenelnbogen zurück. Irrtümlicherweise sah man die in den Schriften des Ptolemäus erwähnte Bezeichnung Μηλίβοκον (Mēlíbokon) für den Harz als Namen dieses Berges im Odenwald an und ersetzte Malschen durch die latinisierte Form des griechischen Namens: Melibocus oder Melibokus, welcher sich schließlich einbürgerte.

Es ging jedenfalls gen mons malscus bergauf, stetig aber nicht übermäßigP1080397IMG_6400

Wie häufig auf unseren Wanderungen war auch dieser Rundweg mit anderen Wanderwegen verknüpft. Hier waren es insbesondere der Alemannenweg und der Nibelungensteig, denen wir ein kurzes Stück folgten.

 

Schließlich erreichten wir den Melibokus mit seinen zwei Türmen. Der höhere Turm wird heute als Sendeturm für lokale Internetanbieter genutzt, zudem dient er nachts mit einem Blinkfeuer als Kollisionsschutz. Der zweite Turm, ein Aussichtsturm wurde 1966 erbaut, war jedoch geschlossen.

Zwar konnten wir nicht bis Wiesbaden sehen, aber in der Rheinebene erkannten wir die Kühltürme des Kernkraftwerks Biblis:P1080407Nach kurzem Ausblick über die Rheinebene bis nach Rheinhessen und den Taunus wanderten wir durch Buchenwälder in die herrliche grüne Landschaft mit Blick zum Felsberg mit dem Turm in der Bildmitte:IMG_6414Auf diesem Weg fanden wir ein nettes Plätzchen zum Rasten gegenüber einer riesigen LindeP1080416Nachdem wir uns von diesem prächtigen Baum getrennt hatten, kamen wir dem Felsenmeer immer näher und sahen auch schon die ersten GranitbrockenIMG_6438.JPGEiner Sage nach hausten hier zwei Riesen. Der eine auf dem Felsberg (Felshocker), der andere auf dem Hohenstein (Steinbeißer). Ihre „Riesenreiche“ wurden durch das Lautertal getrennt. Als sie in Streit gerieten, bewarfen sie sich mit Felsbrocken. Der „Steinbeißer“ war im Vorteil, er hatte mehr Wurfmaterial. So kam es, dass „Felshocker“ bald unter den Blöcken begraben wurde; angeblich hört man ihn noch gelegentlich darunter brüllen. Die Felswand des Hohenstein soll die letzte Hausmauer des anderen Riesen sein. So wurde im Volksmund die Entstehung des Felsenmeeres erklärt (Quelle: Wikipedia)

Über die Entstehung dieser Gesteinsblöcke gibt es im Wikipedia-Artikel über das Felsenmeer ausführliche Informationen. Beeindruckt hat mich besonders, dass mit dem Ende der Eiszeit die Blöcke in Bewegung gerieten, in die Täler hinabglitten und das Felsenmeer bildeten. Dazu der Verwitterungsprozess, der den Gesteinsblöcken ihr typisches Aussehen verleiht und als Wollsackverwitterung bezeichnet wird.

Klein sind die Steine jedenfalls nicht. Hier ein Foto, in dem Wanderer Hans doch recht zwergig wirkt:IMG_6457.JPGSchon die Römer haben Steine dieser Art bearbeitet, verschiedene davon zurückgelassen, z.B. eine über 9 Meter lange Säule, die etwa 27,5 Tonnen wiegt. Üblicherweise wurden solche Säulen in kleinere Stücke zersägt und dann – wie am Trierer Dom – wieder zusammengesetzt und so zum Teil eines Bauwerks.IMG_6453.JPGAus dem beeindruckenden Felsenmeer liefen wir über die Kuppe des Felsbergs hinunter zur Kuralpe. Dort war der Schnee vom Dienstag getaut und wir konnten unsere Mittagsrast im Freien genießen.IMG_6470Nach der Pause hatten wir noch eine einstündigen Weg zurück zum Parkplatz vor uns, der uns am Schloß Heiligenberg vorbei führte.IMG_6485Durch einen Laubengang erreichten wir schließlich den ParkplatzIMG_6480.JPG

Eine tolle Wanderung bei herrlichem Wetter endete dort nach gut 18 Kilometern und etwa 850 Höhenmetern.

  1. Teilstück vom Nonnenbrunnen über den Melibokus, am Felsenmeer vorbei zur Kuralpe:Screenshot_2017-04-22-12-10-282. Teilstück, von der Kuralpe zum NonnenbrunnenScreenshot_2017-04-22-12-15-55 Dank an Heiner, der mir einige der Fotos zur Verfügung gestellt hat.
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2 Gedanken zu “Vom Melibocus und der Wollsackverwitterung im Felsenmeer

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