Über die Verbreitung invasiver Arten: Atlant Bieri – Natur aus den Fugen?

IMG_8785Für die einen sind Nutrias possierliche Tierchen, die durch Füttern zutraulich werden, an deren Verhalten man Gefallen finden kann. Für die Bevölkerung im Mississippi-Delta sind sie Feinde, die 450 Kilometer Kanal untergraben und zerstört haben. Den gesamten Rhein haben sie inzwischen besiedelt, dort wird teilweise versucht, die Populationen wieder völlig zu entfernen, was Tierschützer auf den Plan ruft.

Ob nun Tiere, Pflanzen, Pilze oder Krankheitserreger, die auf unterschiedliche Weise „eingewandert“ sind oder bewußt exportiert bzw. in andere Lebensräume importiert wurden, der Begriff „invasiv“ ist nicht exakt definiert.

Bieri beschreibt zunächst wie die Einteilung in heimische, exotische und invasive Arten heute verstanden wird.

Als heimische Arten gelten die Lebewesen, die tatsächlich heimisch sind sowie die, die vor 1492 in einem Gebiet gelebt haben. Dazu gehört bei uns auch die aus China importierte Kirsche, sowie die Ratten, ebenfalls aus Fernost, die ebenso bereits zu dieser Zeit bei uns ins Land gekommen waren.

Exotische Arten kamen nach der Entdeckung Amerikas durch Kolumbus mit verschiedenen Transportmitteln in ein anderes Gebiet und solange sich diese Tiere, Pflanzen, Pilze oder Krankheitserreger nicht unkontrolliert ausbreiten, gelten sie als exotische Arten. Demnach waren Waschbären zunächst eine exotische Art, bevor 1934 in Kassel ein Pärchen ausgesetzt wurde bzw. während des II. Weltkriegs Bomben Waschbärengehege im Osten Deutschlands zerstörten und die Tiere ausgebüxt sind.

Invasive Arten sind exotische Arten, die sich unkontrolliert  und auf Kosten der heimischen Arten in ihrem neuen Gebiet ausdehnen oder die Infrastruktur des Menschen beeinträchtigen oder schädigen sowie die Landwirtschaft erschweren oder Menschen oder Tiere krank machen.

An Beispielen erläutert der schweizer Autor den Aufbau und die Funktion von Ökosystemen, nach welchen Regeln sie funktionieren. Invasive Arten zerstören diese Regeln, die die System in einem Gleichgewicht halten, wobei eine Evolution nicht ausgeschlossen ist. Auf das Auftreten fremder Arten können die heimischen jedoch meist nicht spontan reagieren und so kommt es zur Verdrängung oder gar zum Aussterben heimischer  Pflanzen oder Tiere. Profitieren kann nur von den Alteingesessenen, wer sich schnell anpasst und zum Beispiel die aus dem Schwarzen Meer zugewanderten Grundeln als neue Nahrungsquelle entdeckt. So pfiffig war der Zander, dessen Population in unseren Flüssen nun wieder steigt.

Doch viele Tiere und insbesondere Pflanzen können sich nicht so schnell an die neuen Konkurrenten anpassen und verlieren dabei. Was sich bei einem Import einer zunächst exotischen Art als Nutzen darstellen sollte, schlägt dabei schnell ins Gegenteil um. Angeführt wird der Import des asiatischen Marienkäfers, der zur biologischen Bekämpfung von Blattläusen eingeführt wurde. Zunächst verdrängte er, nachdem er Gewächshäusern entkommen war, die heimischen Arten. Inzwischen hat sich offenbar ein Gleichgewicht der verschiedenen Arten eingestellt. Aber das funktioniert nicht immer schnell genug und so wurden verschiedene Arten der Bekämpfung invasiver Arten etabliert. Neben dem vollständigen Entfernen, dem Eindämmem, dem Anpassen ist besonders die Vermeidung des Auftretens eine Art des Umgangs mit invasiven oder potenziell invasiven Arten von Bedeutung. Für jede Bekämpfungsmethode werden Beispiele genannt. So soll durch ein Gesetz vorgeschrieben werden, dass bei Überseetransporten das Ballastwasser in Schiffen bereits 200 Seemeilen vor der Küste ausgetauscht und die Tanks aufwendig gespült werden, damit mitreisende Lebewesen dort gelassen werden, wo sie keine Überlebensmöglichkeiten haben. „Harbour-Hopping“ hat bereits tausende neue Arten von einem Hafen zu anderen gebracht, damit neue Gewässer – ob Flüsse und Küstenregionen in anderen Kontinenten – besiedelt.

Aber nicht nur Menschen, Flora und Fauna in Europa haben mit invasiven Arten zu kämpfen, von Europa wurde Pest und Cholera in alle Welt geschleppt und dazu beigetragen, ganze Kulturen in Südamerika auzurotten.

Ob nun Tigermücke oder Jakobskreuzkraut sich in anderen Regionen niederlassen, es geschieht auf unterschiedliche Art. Kurios ist der Export europäischer Stare in den Central Park nach New York um 1890 herum: Ein Apotheker wollte alle Vögel aus Shakespeares Theaterstücke in den USA ansiedeln. Seit Langem gibt es in Nordamerika ein Plage. Die Anzahl der Stare wird auf 150 Millionen geschätzt, die über Äcker und Obstgärten herfallen und die Erten stark dezimieren.

Kontrolliert man jedoch die Verbreitung der „Exporte“ kann es dadurch zum Nutzen kommen. Zwar ist die Robinie als invasive Art zu bezeichnen, da sie in ihren Wurzeln Dünger produziert und damit Pflanzen vertreibt, die auf düngerarme Böden angewiesen sind, andererseits produzieren die Bäume ein hartes, langlebiges Holz, das sehr begehrt ist.

„Die Verbreitung invasiver Arten, Gefahr und Chance“ – so der Untertitel des Buches – ist ein komplexes Thema. Atlant Bieri hat die unterschiedlichen Aspekte sorgfältig herausgearbeitet und beschrieben, und dies nicht nur mit einem Blick vor unsere Haustür (wobei er den Buchsbaumzünsler übersehen hat) sondern global betrachtet hat, welchen Einfluss invasive Arten auf unsere Ökosysteme ausüben. Aus der Geschichte diverser Vorgänge von „Invasionen“ können  wir lernen, was gut oder schlecht gelaufen ist, was korrigierbar, vermeidbar oder unvermeidbar ist.

Es ist das umfassenste und für Laien verständlichste Werk, das mir zu den Thema „Invasive Arten, Verbreitung und deren Folgen“ bekannt ist.

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Atlant Bieri: Natur aus den Fugen? , erschienen im orell füssli Verlag (2018)

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Nachbemerkung zur nicht erwähnten invasiven Art „Buchsbaumzünsler“: Dieses Thema wird seit einigen Jahren intensiv beschrieben und diskutiert. Atlant Bieri hat den Lesern meines Erachtens einen großen Dienst erwiesen, dem ostasiatischen Kleinschmetterling mit dessen Buchsbaum-fressenden Raupen keinen Platz in diesem Buch einzuräumen. Es wäre vermutlich ein dominierendes Thema geworden, dass von der Vielfalt der Theman und ihrer Bedeutung abgelenkt hätte.

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Zu Hause bei Victor Horta

20180905_164529-002Jugendstil, Victor Horta und Brüssel gehören zusammen wie Tim und Struppi und Hergé. Gewürdigt wurde Hortas Architektur, indem vier der von ihm entworfenen Brüsseler Stadthäuser in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurden. Eins davon ist das „Maison & Atelier Horta“, Wohnhaus und Atelier des belgischen Architektens, erbaut 1898-1901. Heute ist dieses Haus als „Horta Museum“ zu besichtigen.

Vor rund 15 Jahren war ich schon einmal „zu Hause bei Victor Horta“ und habe damals an einer ausführlichen Führung teilgenommen. Beim neuerlichen – ungeführten Besuch – konnte ich noch von den Informationen von damals profitieren, denn der „small guide“ beinhaltet wirklich nur „small“ Informationen. Ich empfehle daher, beim Besuch des Museums eine Führung mitzumachen. Und noch etwas zu den „Formalitäten“: Fotografieren ist verboten, das Verbot wird streng überwacht und sowohl an der Kasse als auch an den Schließfächern werden die Besucher eindringlich auf dieses Verbot hingewiesen und aufgefordert, Handys, Fotoapparate und andere Bildaufzeichnungsgeräte abzugeben.

Trotz dieses nicht besucherfreundlichen Gebarens: Der Besuch lohnt sich, denn man bekommt einen Einblick in Leben und Werk von Victor Horta. Beides wird am Anfang des Weges durch das Museum chronologisch an die Wand gebeamt und vermittelt eine gute Einführung. Studium, die verschiedenen Stationen und die von Horta entworfenen Bauwerke werden mit den familären Ereignissen in seinem Leben verknüpft. Es wird auch gezeigt, wie und mit welchen Mittel Horta den Jugendstil, insbesonde dessen Architektur entwickelt und geprägt hat.

Beim Rundgang – im „herrschaftlichen“ Treppenhaus empor, durch das Treppenhaus für die Bediesteten wieder runter – werden Wohn- und Schlafräume, das Atelier und die Aufenthalts- und Arbeitsräume der diestbaren Geister durchquert. Dabei ist nicht nur auf die architektonischen Elemente wie zum Beispiel die Lichtkuppel über dem großen Treppenhaus – sondern auch auf das Mobiliar und Ausstattungsdetails, die überwiegend von Horta gestaltet wurden.

So bleibt das gesehene in der Fotosammlung des Hirns der Besucher. Nur ein Detail von dem eindrucksvollen Haus konnte ich im Foto von der Straße aus als Foto mitnehmen: die schmiedeeiserne Balkonbrüstung mit Hortas berühmten Schwüngen,

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denn die Fassade inklusive der hübschen Eingangstür war durch einen Bus weitgehend fotografier-geschützt.

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Kein frischer Wind in Brüssel

20180905_161613-1Sehe ich Berichte in der Tagesschau oder Heute zu Themen und Arbeitsweise der Europäischen Kommission, wird bei Wortbeiträgen die Fahnenreihe vor dem Gebäude immer im Wind gezeigt. Das verbinde ich mit Dynamik und „frischem Wind“, die im Gebäude herrschen (sollten).

In den letzten Tagen bin ich mehrmals auf dem Weg vom Hotel zur Metrostation „Schumann“ und zurück über diesen Platz gegangen. Es herrschte Flaute und seitdem leite ich aus meinem Foto ab: Kein frischer Wind in Brüssel. Heißt: Hingewurstel bei den Aufgaben der Kommission, sei es Brexit, Klimaschutz und Energie,  bei Wirtschaftsangelegenheiten sowieso. Nur für eine neue Sommer/Winterzeitregelung scheint richtig gearbeitet zu werden.

Draußen geht es jedenfalls ruig und gelassen zu. Schlipse gehen gemessenen Schrittes durchs Bild oder machen Päuschen.

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Auf der anderen Seite des Gebäudes stehen unbeweglich die „European Citizens“, über die die Allgemeine Zeitung schreibt: Witz und Farbe kann das graue Brüsseler Europaviertel gut vertragen. Eine Künstlerin aus dem Westerwald bringt beides. 13 «European Citizens» («Europäische Bürger») aus Metall und Ton hat Susanne Boerner aus Ransbach-Baumbach in Rheinland-Pfalz entworfen.

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Die Skulpturen wurden zum 60jährigen Jahrestag der Römischen Verräge im letzten Jahr am hinteren Eckchen des riesigen Bauwerks aufgestellt.

In der Allgemeinen Zeitung ist weiter zu lesen – und dabei wird auch die Künstlerin zitiert: Die Körper aus verrostetem Metall, die Köpfe aus Ton – bunt, individuell und mit einem Hauch Humor. Eine Figur hat lilafarbene Haare, die andere einen Vogel auf dem Kopf – «die Leute sollen schmunzeln, wenn sie vorbeigehen», sagt Boerner, die seit mehr als 30 Jahren künstlerisch tätig ist. «Ich möchte gute Stimmung in die Welt bringen. Die Welt ist so hart, das ignoriere ich einfach.» Die Skulpturen wurden fest montiert und sollen dem Ort mehr Leben einhauchen.

In meinen Augen erscheint der Gesichtsausdruck einiger Tonköpfe recht einfältig – sind  europäische Citizen denn so? Aber gut, wenn die Künstlerin es möchte, schmunzele ich im Vorbeigehen. Schlimm genug, wenn diesem Ort Leben eingehaucht werden muss.

So winken einige in ihren Cortenstahl-Körpern den Miteuropäern auf der anderen Seite der Straße zu

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Ich verliere sie aus den Augen, denke nach über das „TeamJunkerEU“ und den fehlenden frischen Wind.

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Hergé – Tim und Struppi ohne Schraffuren, ohne Schattierungen – ein Besuch im Hergé-Museum in Louvain-la-Neuve

Tritt ein in die Welt von Tim und Struppi und die ihres Schöpfers Hergé

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Zunächst schaut dich der Meister pop-artig an,

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dann strahlt dir Tim entgegen

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Damit ist auch klar – BANG, CLANG, BONG – hier darf fotografiert werden. Zudem gehörst du ab 60 zu den Seniors und bekommst für 7€ insgesamt auch noch was vom Audio-Guide auf die Ohren. Wir nutzten das Glück unserer frühen Geburt, sonst wären wir mit 9,50€ in diesem Comic-Tempel dabei gewesen.

IMG_8728Hergé – wie Poirot ein Belgier – wurde 1907 als Georges Prosper Remi geboren. Woraus sein Pseudonym besteht ist unschwer zu herauszufinden, wenn du die beiden fetten kursiven Buchstaben seines Geburtsnamens rückwärts französisch aussprichst. Tim und Struppi ist das bekannteste Werk, deren erste Folgen von 1929 zunächst in Schwarz-Weiß erschienen. Erst ab 1942 wurden die Zeichnungen koloriert, die zuvor schwarz-weißen Ausgaben wurden teilweise oder komplett neu gezeichnet und in einer Farbversion herausgegeben (Ausnahme: Tim im Lande der Sowjets).

Den Werdegang dieser Abenteuergeschichten mit den beiden Helden Tim und Struppi sind ausführlich durch Exponate beschrieben und werden per Audio-Guide gut erklärt. Wichtige Begleiter, Konkurrenten oder gar Feinde haben hier ebenfalls ihren Platz. Kapitän Haddock hatten wir bereits am Eingang gesehen, die ungeschickten Detektive Schulze und Schultze tauchen sowohl in Schwarz-Weiß als auch farbig auf.

Auch Professor Bienlein gibt sich mit erhobenem Zeigefinger die Ehre, hier in einem Vexierbild mit Blick nach rechts.

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Etwa 250 Charaktere hat Hergé für die Abenteuer von Tim und Struppi geschaffen. Die Porträts aller sind in einer riesigen Lampe dargestellt, die über zwei Stockwerke hängt.

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Angefangen hatte RGs Karriere als Comiczeichner mit den den Abenteuern von Totor im Pfadfindermagazin „Le Boy-Scout Belge“

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Später zeichnete er für die Kinderbeilage „Le Petit Vingtième“ der katholischen Zeitung „Le Vingtième Siècle“.

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Danach begann die Tim-und-Struppi-Phase, die bis zum Tod Hergé 1983 anhielt und immer wieder spannende Geschichten erzählte,……

….. die die beiden Helden in realen und fiktiven Ländern der Erde und sogar auf dem Mond und im Weltraum überstanden.

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Einige Requisiten aus den Filmen sind ebenfalls ausgestellt. Besonders faszinierend ist jedoch die Arbeitsweise Hergés, gezeigt an Beispielen und zu hören über den Guide: Einfache Figuren mit klaren Linien ohne Schraffuren oder Schattierungen, klare Farben ohne Farbverläufe bei den Kolorierungen, realistisches Drumherum.

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Nicht viel anders waren die von Hergé entworfenen Werbeplakate (hier ein paar davon):

So ist Hergé doch viel mehr als der Schöpfer der Abenteuer von Tim und Struppi, auch wenn diese Comics in viele Sprachen übersetzt wurden, die die Vielfalt in Ausschnitten zeigt:

Nachdem wir vieles gesehen und gehört haben,  verabschieden wir uns von Tim und Struppi,

der ganzen Bagage

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und

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