Eine bedeutende Jugendstilsammlung – Zur Ausstellung der Schenkung von F.W.Neess an das Museum Wiesbaden

Seit Mitte 2019 sind Hunderte von Exponaten aus der Zeit des Jugendstils im Museum Wiesbaden zu betrachten. Zu verdanken haben es die Freunde dieser Stilrichtung und alle Interessierten Ferdinand Wolfgang Neess und seiner Ehefrau Danielle.

Die Sammlung umfasst Möbel dieser Epoche sowie Wohnaccessoires insbesondere Lampen, Vasen und eine Vielzahl von Gemälden. Sie beschränkt sich nicht nur auf Deutschland. Auch die britische Arts- und Crafts-Bewegung und der daraus entstandene Modern Style, Art Nouveau aus Frankreich, die Wiener Variante des Jugendstils und Exponate aus der Werkstatt von Tiffany sind in großer Zahl vertreten.

Die Möbel werden dabei zumeist mit Accessoires arrangiert.

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Kommode von Werner Pankok aus Mahagoni, Ebenholz, Nussbaum, Riegelahorn, mit Silbergriffen – Bildnis mit gelben Narzissen von Oskar Zwintscher – Terrine von Albin Müller, hergestellt in der Porzellanmanufaktur Ernst Wahliss (Wien)

Es gilt Details zu betrachten, wie die Katze auf dem Garderobenschrank

oder die üppigen Beschläge an einem sonst schlichten Schrank.

Nicht alle Ausstellungsstücke treffen jedermanns Geschmack, aber das war wohl auch nicht die Absicht der Handwerker oder Künstler. Jugendstil und die entsprechenden Richtungen in den verschiedenen Ländern waren immer etwas Besonderes und in diesen Ausführungen nicht als „Mainstream“ zu betrachten wie das folgende Beispiel einer Vitrine zeigt.

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(Viele der Exponate sind so platziert und ausgeleuchtet, dass sie bei gewöhnlichem Fotografieren während der Öffnungszeiten nicht in guter Qualität darzustellen sind. Trotzdem möchte ich diese ausgefallene Arbeit und andere hier zeigen.)

Vielfältig ist die Art der Vasen und Glasgefäße von Émile Gallé, René Lalique und anderen Glaskünstlern der Zeit. Die Lampen als Bronzestatuen mit Glasschirmen in unterschiedlichsten Formen und die aus dem Hause Tiffany sowie die Kronleuchter rufen immer wieder Erstaunen hervor.

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So reiht sich Stück für Stück hintereinander, nebeneinander, übereinander

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– eine sorgfältig arrangierte Fülle, die von Ferdinand Wolfgang Nees in seinem „Weißen Haus“ in Wiesbaden zusammengetragen wurde und nun der Öffentlichkeit gezeigt wird.

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Der Betrachter steht so verklärt zwischen den Exponaten, einem Spiegel vor sich, im Rücken eine Glasmalerei –

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wie diese Allegorie von Max Nonnenbruch mit dem Titel „Verklärung“ aus dem Jahr 1899.

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Jugendstil – Schenkung von F.W.Neess im Museum Wiesbaden, eine sehenswerte Ausstellung.

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Erwähnt wird auch die Zeitschrift, die der Stilrichtung den Namen gegeben hat.

 

Sehenswert ist zudem innerhalb der Ausstellung ein 15-miütiger Film über Paris im Jahre 1900 mit ausführlichem Bericht über die Weltausstellung in jenem Jahr. Das Filmmaterial stammt von den Brüdern Lumière.

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Zusammen mit Darmstadt und Bad Nauheim hat diese Region mit Wiesbaden jetzt einen dritten Schwerpunkt zum Thema Jugendstil.

 


 

Eine Tafel am Eingang zur Ausstellung beschreibt den Wert dieser Schenkung:

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Die Wunderkammer der deutschen Sprache – Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer (Hrsg.)

IMG_9668Wunderkammer ist das zutreffende Wort für dieses Buch, das – wie der Untertitel beschreibt – gefüllt ist mit Wortschönheiten, Kuriositäten, Alltagspoesie und Episoden der Sprachgeschichte ist.

Es fängt an mit den Schlusssätzen von Märchen der Gebrüder Grimm wie

…Rotkäppchen aber ging fröhlich nach Haus, und tat ihm niemand etwas zu leid“, wobei hier niemandem die Quelle genannt werden muss.

Wie unterschiedlich die Wunderkammer gefüllt ist, lässt das nächste Kapitel erahnen mit Ausdrücken aus dem Nachtjargon von St.Pauli, der Geheimsprache von Zuhältern, Prostituierten und anderen Akteuren des Kiezes. Einige dieser Bezeichnungen haben sich in unsere Alltagssprache geschlichen – oder war es umgekehrt? So ordne ich den Begriff „Eskimoflip“ nicht unbedingt als St.Pauli-spezifische Bezeichnung für das nichtalkoholische Getränk Wasser mit Eis ein.

Ebenso exotisch klingen teilweise die Begriffe des alten Buchdruckerhandwerks oder Begriffe aus der Jäger- oder Seefahrersprache wie „Pressbengel“, „Moderhinke“ oder „Bilgenschwein“.

Mundartliche Begriffe aus verschiedenen deutschsprachigen Regionen sind an anderen Stellen dem heutige Hochdeutsch gegenübergestellt und erklärt, ebenso eigenartige Namen von Speisen, Beispiele: „Arme Ritter“ und „Eisbein“.

Wörter und Unwörter der zurückliegenden Jahre sind aufgeführt, Scheinanglizismen aufgelistet und aus dem Deutschen entnommene Wörter in andere Sprachen.

Interessant sind die Gedichte, deren Texte in Ei- oder Apfelform oder als Palmenbaum gesetzt sind.

Bekannte Personen wie Karin Duve nennen jeweils 10 ihrer Lieblingswörter und erklären die Auswahl.

Auf etlichen Landkarten des deutschsprachigen Raums ist eingezeichnet, was wo wie heißt – ob nun Brötchen, Semmel, …. oder Schrippe.

Kritik an Goethe von anderen Schriftstellern ist zu lesen. Die von Alfred Döblin lautet: „Goethe hat in Deutschland die feuilletonistische Degeneration des Romans eingeleitet.“

Etliches an unnützem Wissen – über die Wertigkeit mancher Kapitel sollte jeder selbst entscheiden – ist hier versammelt. Für mich zählen dazu die Sammlung von Bezeichnungen für Weinlagen, eigenartige Ortsnamen im Sprachraum sowie die Namen von Kräutern und deren Verwendung. Als Krönung des Unnützen kommen die „kreativen“ Wortschöpfungen für die Namen vor Frisörsalons dazu. „Frisöre und Frisörinnen bleibt bei Euren Scheren und Lockenwicklern“ möchte ich den Schneidenden und Lockenwickelnden bei The Hairgansters zurufen, „Ich brauche Euch als Handwerker, nicht als Wortschöpfer.“ – und ich hätte in diesem Buch gern auf eine derartige Auflistung verzichtet.

Interessanter sind dann wieder die Schnadahüpfln, Zungenbrecher und Schüttelreime.

Das ist nur ein Teil dieser prall gefüllten Wunderkammer und nicht alle der vielfältigen Listen habe ich hier aufgeführt. Jeder sollte es für sich erlesen und erleben. Wert ist es, die Vielfältigkeit unserer Sprache an den Beispiele dieses Buches zu erforschen.

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Thomas Böhm und Carsten Pfeiffer (Hrsg.): Die Wunderkammer der deutschen Sprache, erschienen 2019 im Verlag DAS KULTURELLE GEDÄCHTNIS

Der vergessene Erfinder – Wie Philipp Reis das Telefon erfand

IMG_9665Philipp Reis, geboren am 7.Januar 1834, ist trotz seiner Erfindung des Telefons weitgehend in Vergessenheit geraten. Schon zu Lebzeiten wurde diese geniale Ingenieursleistung viel zu wenig anerkannt. Nach seinem Tod heimste Graham Bell Anerkennung und Ruhm für die Fortentwicklung der Übertragung von Gesprächen ein.

Nur im hessischen Gelnhausen erinnert man sich angemessen an den „Sohn der Stadt“. Jetzt hat der ebenfalls in Gelnhausen gebürtige Publizist Wolfram Weimer dessen Leben und Erfindungen – zu denen nicht nur das Telefon gehört – in einem Buch gewürdigt. Darin berichtet Weimer auch vom Zeitgeist des 19. Jahrhunderts und dem Umgang von Wissenschaftlern und Politikern – bis hin zur Präsentation des Telefons auf dem deutschen Fürstentag 1863 in Anwesenheit des Kaisers Franz Joseph I. Von Österreich – mit dem genialen Erfinder.

Im zweiten Teil des Buches ist der Lebenslauf von Reis unter der Überschrift „Mein Lebenslauf – Ich nannte das Instrument Telefon“ beschrieben. Ein weiteres Kapitel beschäftigt sich mit der Telefonie durch den elektrische Strom. Und schließlich ist über die schrittweise Entwicklung Tongeber und Empfänger bis hin zur Produktion in kleinen Stückzahlen zu lesen. Aus Geige, Stricknadel und der Blase eines Hasens als erste Bastelei bis zu einem funktionsfähigen Produkt wird hier der Weg der Erfindung aufgezeigt.

Einerseits wird die Erfindung bestaunt, anderseits belächeln damals Wissenschaftler und Naturforschern den Amateur Reis. Doch bereits zwei Jahre nach dem Tod von Philipp Reis (gestorben am 14.Januar 1874) meldet Graham Bell sein Telefon zum Patent an. Damit beginnt die weltweite Verbreitung des Telefons, im Buch in einer vierseitigen Grafik „160 Jahre Telefon – Eine Zeitreise“ zusammengefasst.

Zahlreiche Fotos sowie Abbildungen und Skizzen vom ersten Modell bis zum Telefon der heutigen Zeit veranschaulichen, das Leben des Erfinders und den Weg der Erfindung zum gegenwärtig weitverbreitetsten Kommunikationsmittel.

So ist das Buch eine gelungene Würdigung des Lebens von Philipp Reis und dessen geniale Spur, die er mit seiner Idee über die Übertragung von Tönen und Sprache und der Entwicklung der notwendigen Geräte gelegt hat.

Reis war es, nicht Bell!

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Wolfram Weimer: Der vergessene Erfinder – Wie Philipp Reis das Telefon erfand, Ch. Goetz Verlag (2019)

Reineke Fuchs im neuen Gewand – im Jackett mit rot-weiß gestreifter Krawatte

Vor über 500 Jahren erschien die erste gedruckte Fassung von Reynke de Vos im deutschen Sprachraum. Unzählige Übersetzungen und „Coverversionen“ folgten, eine der bekanntesten in Versform ist die 1793 von Johann Wolfgang von Goethe in Hexametern gedichtete Version.

Aus einem stellenweise derben Tierepos wurde bei Goethe ein Glanzstück sprachlicher Gestaltung, das bis heute sehr bekannt, jedoch durch das Versmaß anspruchsvoll und nicht immer ohne Mühe zu verstehen ist. Zu den zahlreichen Bearbeitungen zählen viele, die für Kinder und Jugendliche umgeschrieben und größtenteils in kürzerer, harmloserer Fassung geschrieben wurden, häufig mit zeitgenössischen Illustrationen.

Bekannt sind die Bilder und Vignetten des Künstlers Wilhelm von Kaulbach aus dem frühen 19. Jahrhundert, die viele Ausgaben des Goetheschen Reineke Fuchs schmücken. Eine sehr freie von Janosch erzählte Version für Kinder enthält dagegen Janosch-typische Illustrationen.

IMG_9659Reineke Fuchs im Jackett mit schräg-gestreifter rot-weißer Krawatte treibt sein Unwesen in dem 2019 erschienen Band der Insel-Bücherei, nacherzählt von Matthias Reiner, illustriert von Reinhard Michl. Im Nachwort zu dieser Ausgabe ist zu lesen, dass die oben erwähnte, über 500 Jahre alte Fassung von Reynke de Vos als Textgrundlage für dieses Werk diente.

Hierin ist beschrieben, was Isegrim, der Wolf, über Reineke sagt:

Lügen, Verrat und Notzucht sind Reinekes Begabungen.“

Und diese Begabungen sind auch in den Illustrationen zu finden. So zum Beispiel die Vergewaltigung von Isegrims Frau Gieremund, die Reineke in „A Tergo-Position“ über der Wölfin zeigen. Wahrlich keine kindgerechte Ausgabe der alten Geschichte. Herrlich zu lesen und mit gelungenen Illustrationen – letztlich gehört auch die Notzuchtszene dazu – ausgestattet.

Eine ausführliche Beschreibung des Inhalts erspare ich mir an dieser Stelle. Vielen wird er bekannt sein, die anderen können ihn vielfach im Netz nachlesen.

Denn die Geschichte geht wie immer aus: Trotz der Klagen vieler Tiere über die Vergehen Reinekes, neben den Vorwürfen Isegrims kommen Mord und schwere Körperverletzung hinzu, lässt sich König Nobel von Reineke belügen, wird zum Ersten Kanzler ernannt. Ebenso gehe ich nicht auf die Interpretationen der ursprünglichen Fassung, der Goetheschen Version und den Variationen für Kinder ein.

Dieses Buch sollten wir ganz einfach genießen – sowohl den Text und als auch die Bilder. Interpretieren kann es jeder für sich. Schwierig ist es nicht.

Es ist, wie es Goethe vor 250 Jahren schrieb:

Reineke Fuchs

Vor Jahrhunderten hätte ein Dichter dies gesungen?

Wie ist das möglich? Der Stoff ist ja von gestern und heut.“

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Reineke Fuchs, nacherzählt von Matthias Reiner, illustriert von Reinhard Michl, erschienen 2019 im Insel Verlag (Insel-Bücherei 2037)

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Zu erwähnen:

Links: Die beiden Vignetten sind zu finden in: „Reineke Fuchs“, erzählt für die Jugend von Fritz Werdermann, Verlag Jugendhort, um 1910

Rechts: Janosch: Reineke Fuchs, © Janosch 1998, Serges Medien GmbH Köln

Reineke Fuchs von mir zuvor erwähnt und beschrieben:

Reineke Fuchs – 1794 – (J.W. von Goethe) – 1905  (Fritz Werdermann, für die Jugend erzählt) – 1998 (Janosch, für Kinder) https://philipp1112.wordpress.com/tag/reineke-fuchs/

Widmung – Handgeschriebenes https://philipp1112.wordpress.com/2013/11/23/widmung-handgeschriebenes/

Auf Euer Wohl

Zum Jahresende bedanke ich mich bei den Leserinnen und Lesern von Philipps kleinem Universum für’s Lesen und Kommentieren, trinke ein kleines Schlöckchen auf Euer Wohl und freue mich, wenn Ihr im nächsten Jahr wieder hier reinschaut.

Euer Philipp

(inzwischen 73 Jahre alt und vor mehr als 50 Jahren von Studienkollegen auf den Namen Philipp „getauft“ – aber das ist eine andere Geschichte)

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